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Wieder eine Chance vertan – Die große Koalition verkennt die Zeichen der Zeit

MEINUNG – BERICHT VON DER STADTVERORDNETENVERSAMMLUNG am 7. Februar 2013 zum Thema Lärmschutz an der A 643 und Zusammenhänge.

(Anmerkung: Artikel, die mit “MEINUNG” gekennzeichnet sind, geben nicht unbedingt die Haltung von allen durch die Initiative “Biebricher gegen Verkehr XXL” vertretenen Bürgern wieder, sondern stets jene des Verfassers.)

An Altweiberfastnacht hat man eigentlich besseres zu tun, als stundenlang mehr oder eher weniger interessanten Disputen und Verwaltungsakten zu folgen, doch das muss man unseren zumeist ehrenamtlichen Stadtverordneten lassen. Sie sind in der Regel in sehr hoher Stückzahl bis spät in die Nacht anwesend, um die vorgelegten Beschlüsse abzuarbeiten. Im Gegensatz zu manch anderem Parlament.

Diese Beschlüsse werden durch die Fachämter vorbereitet, in Ausschüssen abgestimmt und letztlich im Stadtparlament verabschiedet. Nun ist doch wirklich über 2 Jahre in Demos wie Einwendungen und Parlamentsbeschluss deutlich geworden, wie wichtig das Thema Lärmschutz für Biebrich und Schierstein insgesamt ist. Und ein Kernthema von uns. Und dennoch wurden wir in all der Zeit augenscheinlich überhaupt nicht bei den Planungen berücksichtigt.

Beschlossen wurde heute, falls die Klage nicht durchdringt, zusätzlicher Lärmschutz auf der Westseite auf beiden Brückenteilen über insgesamt ca. 1.000 Meter Länge. Auf der östlichen Seite zur Äppelallee hin bleibt es jedoch bei dem ohnehin bereits gesetzlich zugestandenen Lärmschutz zwischen Rheingaustraße und Abfahrt Äppellallee, gegenüber dem Äppelallee-Center.

Dies (bereits auf den Bildern im Artikel zuvor zu sehen) ist unzureichend und müsste nur wenige hundert Meter einseitig Richtung Schiersteiner Kreuz verlängert werden  und hätte einen sicher deutlich messbaren Effekt auf das gesamte Gebiet. Gerade weil eine neue Rampe Richtung Wiesbaden/Frankfurt/Rüdesheim direkt vor das Äppelallee-Center gesetzt wird, Fahrbahnen somit nach vorn rücken und als gerade Beschleunigungsspur naturgemäß erhöhte Lärmemissionen und viele hohe Einzelschallereignisse verursachen. Im Verlauf der Spur kommen bereits wieder die ersten Abfahrten in Sicht, es wird eher niedertourig gefahren. Das Schiersteiner Kreuz selbst liegt teils tiefer. Auch hier wäre Lärmschutz vom Bund zwar wünschenswert, aber wenigstens dieser Sondereinfluss Rampe muss entschärft werden. Im Zweifel durch die Kommune als Träger der Straßenbaulast, hier durch eigene emissionsbehaftete Genehmigungen und Ausbauten ohnehin hauptverantwortlich für die Zunahme an Ziel- und Quellverkehr.

Wie deutlich die kombinierte dunkelrote Lärmfahne von A 643 und Äppellallee-Center/XXXLutz bei vorherrschendem Westwind bis weit in die Siedlungen getragen wird, sieht man hier  bei diesem Ausschnitt sehr gut. Im oberen mittleren Teil der Ellipse baut Mann Mobilia XXXL aus, im linken Teil entsteht die neue Zufahrt. Doch nur das untere linke Viertel des Kartenausschnitts möchte die Stadt schützen.

Lärmfahne A 643

Lärmfahne A 643

Eigentlich sollte es heute nur eine Abstimmungssache sein. Die Grünen brachten den Beschluss dann doch noch auf die Tagesordnung zur Aussprache. Es ging um die Freigabe von Prüfaufträgen und die Zustimmung, im Zweifel aus dem Haushalt der Stadt über die nächsten Jahre die Kosten für rund 900.000 € zu übernehmen. Soweit so gut, doch wie in unserem Appell geschrieben, wurde dabei nur an die Gewerbegebiete und den Zollhafen gedacht. Herr Goßmann, darauf heute angesprochen, meinte mehr nicht tun zu können.  Doch stellt sich die Frage, ob überhaupt nach Bevölkerungsinteressen geprüft wurde, oder rein nach Belastung und Verwertbarkeit der Gewerbegebiete?

Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller wie Kandidat Sven Gerich, als “Biebricher Bub” eigentlich ja potentieller Hoffnungsträger, äußern sich auch nicht wirklich. Zu einer Versammlung unserer Initiative hat in den letzten Jahren keiner von beiden gefunden. Im Wahlkampf gibt man sich auch eher handzahm. Wasch mir den Pelz aber mach mich nicht nass.

Die Ortsbeiräte aller Fraktionen in Biebrich und Schierstein sagen eindeutig nein zu Mann Mobilia. In Personalunion oder über ihre Parteikollegen stimmen die Koalitionsparteien  im Parlament dann aber doch dafür. Die große Koalition herrscht unbehelligt, aber ohne Bürgerbeteiligung. Anträge der Opposition werden, nicht nur in unserer Sache, regelmäßig abgebügelt. Es ist ermüdend und ernüchternd zu den Stadtverordnetenversammlungen und Ausschüssen zu gehen. Demokratie geht anders.

Wir hätten bereits aufhorchen sollen, als in der Ankündigung der Klage Wiesbadens zwar vom Schutz der Bevölkerung gesprochen, dies jedoch vor allem mit den Gewerbegebieten auf Schiersteiner Seite verknüpft wurde. Es gab Gespräche der Initiative mit Herrn Goßmann und unser Angebot, bei der Klage mitzuwirken. Parallel liefen seit Ende 2011 ständig Vorbereitungstreffen zum Dialogforum, welches nicht über eine Auftaktveranstaltung im Juni 2012 hinausgekommen ist und klar auch den Ausbau der A 643 zum Thema hatte.

Selbst die begonnen Workshops sind nun augenscheinlich einseitig ausgesetzt, von Seiten der Stadt, nicht von unserer, dabei gäbe es noch so viel zu retten, wenn man sich jetzt sofort konstruktiv hinsetzt und sich fragt, wie Biebrich und Schierstein in 20 Jahren aussehen und angebunden sein soll. Wir haben hier viele gute Vorschläge erarbeitet und konnten sie noch nicht ansatzweise vorstellen.

Dass Geld heute nicht locker sitzt und es viele sinnvolle und wichtige Projekte gibt ist klar, aber wir bezahlen bereits seit Jahrzehnten für vergangene Fehlplanungen und die erheblichen Gewerbesteuereinnahmen aus Wiesbadens größtem Gewerbegebiet sollten zu einem gewissen Maße auch wieder in seinen größten Ortsteil, nach Biebrich fließen.

Statt etwas Geld in die Hand zu nehmen und einen nun sogar neu geschaffenen Lärmkorridor, die Rampe direkt in Sicht- und ungebremster Hörachse auf Höhe der Äppelallee, zu entschärfen, wird genau mit dieser neuen, verbesserten (weil mehr Verkehr aufnehmenden) Auffahrt noch durch das Verkehrsgutachten von Mann Mobilia geworben. Welche Ironie.

Stehen soll die Rampe ca. 2015, mit einem um 45.000 auf 71.000 Quadratmeter vergrößerten Mann Mobilia, ohne Lärmschutz des Bundes an den Autobahnen, ohne Aufnahme der Siedlungen an der Äppelallee in den Lärmaktionsplan des Landes, ohne konkrete Bauleitplanung der Stadt – Gott bewahre.

Wie heute selbst durch die SPD eingestanden wurde, und der früheren Jamaika-Koalition zugeschrieben, gab es schon lange zuvor keine Bauleitplanung, die die nun direkt neben der Schiersteiner Brücke liegenden Gebiete in die Förderung des Bundes hätte bringen können. Alte Industriebrache wie die Knochenmühle ist auch nicht sonderlich schutzbedürftig vor Autobahnlärm.

Doch hier hinkt die Argumentation. Die jetzige Schwarz/Rote Koalition ist jetzt am Ruder und war auch in wechselnder Besetzung an früher dafür verantwortlichen Koalitionen beteiligt.

Der Magistrat hat in 2011/2012 den Bauantrag Mann Mobilia schlampig geprüft und dem Wirtschaftsdezernenten und einem österreichischen Konzern zuliebe alle Umweltaugen zugedrückt und einen unpassenden Bau, zu unpassendster Zeit (Ausbau A 643/671 parallel ab 2013) an unpassendster Stelle genehmigt.

Dies alles wird eine erhebliche Zunahme des Verkehrs mit sich bringen bei unzureichender Erweiterungsmöglichkeit der relevanten Knotenpunkte. Jeder Laie erkennt das.

Heute wurden also 900.000 € zum aktiven Lärmschutz mit bis zu 4 Meter hohen Schallschutzwänden von Gewerbegebiet Knochenmühle und Zollhafen beschlossen. 25 % – 30 % davon würden für die für uns relevante Verlängerung auf der Ostseite der A 643 genügen. Dieses Geld wäre für die Bürger UND die bestehenden Gewerbegebiete ausgegeben worden. Die 900.000 € werden bezahlt für Fehler der vergangenen Legislaturperioden und bringen den jetzt schon betroffenen Menschen wenig bis nichts. Für die ist kein Geld da.

Wieder eine Chance vertan. Die große Koalition verkennt die Zeichen der Zeit.

Wenn es nicht so traurig wäre würde ich sagen

Helau

P.S: Passend dazu folgt in den nächsten Tagen noch eine gelungene Büttenrede einer lärmgeplagten Musterklägerin…

Lärmschutz Schiersteiner Brücke kommt!

Mit Verwunderung stellen wir fest, dass die Medien diese doch bedeutende Nachricht des Wiesbadener Rathauses bislang nicht aufgegriffen haben. Am 10.01.2013 erschien folgende Pressemeldung auf den Rathausseiten:

Goßmann: Ausreichender Lärmschutz entlang der ausgebauten A643 muss gewährleistet sein

Auszüge:

(…) In Sachen Lärmschutz sieht der Planfeststellungsbeschluss des Landes lediglich eine Lärmschutzwand von 260 Metern Länge vor. Sie soll auf der östlichen Seite der A 643 auf der Höhe Rheingaustraße bis zur Anschlussstelle Äppelallee verlaufen. „Das ist zu wenig und wird den tatsächlichen Schallschutz-Anforderungen nicht gerecht“, stellt Bürgermeister und Umweltdezernent Arno Goßmann klar und versucht das Land im Rechtsstreit zur Kostenübernahme eines umfänglichen Lärmschutzes zu verpflichten.

Schließlich sei eine Entwicklung von Wohngebieten in Schierstein und Biebrich auf den ehemaligen Flächen der Firmen Gelita und Raiffeisen angestrebt. Um diese Gebietsentwicklung zu sichern, seien zusätzlich 400 Meter Lärmschutzwand mit Höhen von durchgehend 4,5 Metern erforderlich. „Dies ist weiterhin wichtig, um den Erholungs- und Freizeitwert der Parkanlagen in Ufernähe zu erhalten“, betont Goßmann.(…)

„Doch auch wenn das Land nicht zahlen muss – der umfassende Lärmschutz soll in jedem Fall kommen. Sollte die Stadt Wiesbaden im Rechtsstreit unterliegen, würden die Kosten in Höhe von rund 925.000 Euro aus den städtischen Haushalten der Jahre 2015 bis 2019 gedeckt werden. Dem hat der Magistrat nunmehr zugestimmt“, so Goßmann abschließend.

Man kann diese Mitteilung nicht anders verstehen, als definitive Zusage, dass Lärmschutzwände durchgängig von Rheingaustraße bis zum Schiersteiner Kreuz angebracht werden sollen. Dies ist eine gute Nachricht für Biebrich und Schierstein, auch wenn es nicht das drängendste Problem unserer Initiative ist, sondern ein Teil von Vielen.

Zum Hintergrund – Seit Beginn unserer Initiative treten wir vor allem für 2 Dinge ein:

  • Vollständiger aktiver Lärmschutz an Schiersteiner Brücke und A 643
  • Reduzierung des Individual- und Schwerlastverkehrs und Ausweitungsstopp für die Gewerbegebiete, bis sämtliche Verkehrsprobleme beseitigt und die Lärmwerte angemessen reduziert sind.

Unsere vor 2 Jahren eingereichten, fast 200 Einwendungen, fanden sich auch im Planfeststellungsbeschluss wieder, wenngleich das Land natürlich gerne Verantwortung abschiebt (Stadt ist für innerörtliche Planungen zuständig) und nur wenig als Empfehlung aufgenommen hat. Hiergegen hätten wir klagen können, jedoch mit ebenso ungewissen Erfolgsaussichten wie jenen der Stadt.

Wir haben noch sehr gut die Gespräche mit Politikern der Großen Koalition und des Magistrats in 2011 in Erinnerung. Einhellig wurde auch von dort eine Klage gegen Bund und Land wegen des Lärmschutzes abgelehnt, da die Aussichten sehr schlecht seien. Es ist wohl auch ein wenig unserer Demo für Lärmschutz vom 28. Mai 2011 zu verdanken, dass im Monat darauf das Stadtparlament den Beschluss für ein Dialogforum und die Klage für besseren Lärmschutz fasste.

Es hat uns noch einige Überzeugungsarbeit gekostet, bis dann wirklich seitens der Stadt geklagt wurde. Wenn der Magistrat diese Pressemitteilung auch mit Fakten unterlegt, ist das eine sehr gute Entscheidung. Jedoch sollte man nicht naiv sein: Das Geld (falls die Stadt tatsächlich alleinig die Kosten tragen müsste) wird nicht für die Siedlungen und Anwohner in die Hand genommen, sondern in erster Linie um die Gewerbegebiete und städtische Flächen (Blierweg) nahe der Autobahn besser vermarkten zu können.

Wenn aber im weiten Einzugsgebiet das durch den Ausbau näher heranrückende “Grundrauschen” durch aktiven Lärmschutz reduziert wird, so freuen wir uns natürlich. Allerdings müsste dann langfristig auch das ganze Schiersteiner Kreuz davon umfasst werden, denn je nach Wetterlage und seit alle Bäume dort gefällt wurden, dringt der Lärm von dort weiter als zuvor in verschiedene Wohngebiete hinein…

…neben dem seit November unaufhörlichen Baulärm auf der Großbaustelle von Mann Mobilia, der noch nicht mit den eigentlichen Tiefbauarbeiten begonnen hat, sondern nach Abriss nun die Grube für Fundament und Bodenplatte der Tiefgarage vorbereitet.

In den nächsten Wochen soll damit begonnen werden, den weit nach vorn rückenden Neubau von Mann Mobilia zu zementieren. Wir hoffen es wird frühzeitig gegengesteuert und man besinnt sich noch aufs “rechte Maß”.

Presseschau zur Baustoppforderung und Klarstellungen – Historische Entwicklung der Probleme

Wir freuen uns, dass unsere Pressemitteilung zur Einreichung des Eilantrages auf Baustopp des XXXL-Möbelmarktes wie auch unsere letzte Bürgerversammlung so reichlich Anklang in den Medien gefunden haben.

Bei der komplexen Materie, die sich um alte Bebauungsrechte und existenzielle Belastungen der Anwohner drehen, kann man nicht in wenigen Worten darlegen, worum es im Ganzen geht. Darum möchten wir ergänzend zu den Artikeln die wesentlichen Hintergründe aus übergeordneter Sicht zusammenfassen.

Hier die Artikel aus den vergangenen Tagen in der Wiesbadener Tagespresse bis hin zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Abwägung der Interessen

Kommen wir gleich zum Kern: Die Stadt wägt ab zwischen möglichen Schadenersatzzahlungen gegenüber XXXL,  möglich jedoch nur durch fortgesetzt eigenes Versäumnis, oder der Opferung zweier der ältesten Kleinsiedlungsgebiete Deutschlands, die bereits bestanden, als “Biebrich am Rhein” noch eigenständige Stadt war und man sich unter “Auf der grünen Wiese” anderes vorstellte, als Hessens größte, unzusammenhängende “shopping mall” zwischen Schierstein und Biebrich.

Es begann in den 70er Jahren

Mit dem früheren Mann Mobilia (heute XXXLutz) und alten Wertkauf (später Wal-Mart, jetzt REAL) und ansonsten eher produzierenden oder dienstleistenden Betrieben entlang der Hagenauer Straße und Äppelallee, kam man seit Jahrzehnten gut klar. Als Anwohner wie als Verkehrsplaner. Es gab auch in Hauptverkehrszeiten nur selten Rückstau, obwohl unser allgemeiner Wohlstand  in den letzten 40 Jahren bereits eine Vervielfachung der motorbetriebenen Fahrzeuge und des Grades an Bequemlichkeit mit sich brachte.

Historische Entwicklung der “Übersättigung”

Die Problematik verschärfte sich für Biebrich, Schierstein und insbesondere die Siedlungen erst in den letzten 10 – 15 Jahren, dann aber dramatisch. Die Stadt setzte, entgegen der Bedenken der Ortsbeiräte, 2001 zwei großflächige Baumärkte durch, für die (bis heute) gar kein entsprechender und rechtsgültiger Bebauungsplan existiert. Und die noch dazu in einer Sackgasse am neuralgischsten Punkt der Verkehrsproblematik stehen. Am Ende der Friedrich-Bergius-Straße, über die auch nach Ausbau die Hauptzufahrt zu XXXL/Mann Mobilia abgewickelt werden soll.

Hagenauer Straße Höhe Rosenfeld

Hagenauer Straße Höhe Rosenfeld

Doch bleiben wir in der “Bauhistorie” zum größten zusammenhängenden Gewerbegebiet Wiesbadens. Einige Jahre nach den Baumärkten wurden bis zum Jahr 2006 unverhofft aus Hupfeld und Calmano, einem traditionsreichen Sanitärproduzenten an der Äppelallee (genau gegenüber vom späteren Äppelallee-Center), dass FMZ (Fachmarktzentrum) mit Läden wie “Shoe 4 You”, “Denns”, “Takko”, ”Norma-Markt”, “Jeans Fritz” und “dm-Drogerie”

FMZ-Wiesbaden Quelle: P1-Gruppe

FMZ-Wiesbaden Quelle: P1-Gruppe

Waren es vorher einzig ein paar hundert Angestellte und Arbeiter eines produzierenden Betriebs, die das Gelände lediglich zu Arbeitsbeginn an- und zum Feierabend abfuhren, haben wir an gleicher Stelle heute tausende Kundenbesuche über den ganzen Tag von montags bis samstags verteilt.  Dann kam 2008 “Pflanzen-Kölle” hinzu, der mit seinen Sonntagsangeboten und seiner Lage nahe der Kreuzung Hagenauer Straße/Friedrich-Bergius-Straße erheblich zur weiteren Belastung dieser Kreuzung und zu Einbußen der Lebensqualität der Einwohner beitrug.

Zerstörung der gewerblichen Vielfalt

Nur am Rande sei erwähnt, dass die alteingesessene Baumschule an der Äppelallee (und weitere im Stadtgebiet) durch die Konkurrenz von Baumarkt-Gärtnereien und Pflanzen-Kölle bald schließen musste. Auch viele inhabergeführte und serviceorientierte Läden in den Ortskernen von Biebrich und Schierstein sind dieser Entwicklung mehr und mehr zum Opfer gefallen. Die Geiz-ist-geil-Mentalität der Massen und minderwertige Qualität immer mehr Wegwerfprodukte führt aber auf Dauer zur Zerstörung von Mittelstand, Ressourcen und regionaler Vielfalt.

Hagenauer Strasse

Hagenauer Strasse Mitte

Denn die gleiche Entwicklung seit der Jahrtausendwende ging in die andere Richtung. Entlang der Hagenauer Straße entstand ein Filialbetrieb neben dem nächsten, allein 3 Läden für Tierfutterbedarf, weitere kleine Supermärkte, Großdrogerien, unzählige Schuhläden ziehen sich nun bis zur Ausfahrt auf die Äppelallee in Höhe BKA und Parkfeld. Und jedes Geschäft für sich ruft ihr eigenes, zusätzliches Klientel auf den Plan.

Endgültige Überlastung

Zuletzt sorgte die Eröffnung des Äppelallee-Centers mit großem REAL und vielen Einzelhändlern in Verbindung mit einem neuen Media-Markt zum Oktober 2010 für die letzte, dramatische Verschärfung der Verkehrssituation. Durch den ersten in Biebrich angesiedelten Elektronikfachmarkt dieser Größenordnung wurden fortan deutlich mehr und mehr Kunden auch aus Rheinland-Pfalz angezogen, für die eine Fahrt über die Schiersteiner Brücke günstiger sein konnte, als durch die Stadt nach Mainz-Bretzenheim zum dortigen Media-Markt.

Media Markt und Äppelallee-Center

Media Markt und Äppelallee-Center

Ein weiterer “Verkehrs-Vervielfältiger” belastete das Gesamtgebiet, vor allem an Wochenenden, aber auch durch angekündigte Nachtverkäufe.

In dieser Zeit gründete sich unsere Initiative, die von Anfang an klarstellte: Kein Mega-Möbelmarkt an dieser oder anderer ungeeigneter Stelle. Man mag den Bürgern vielleicht entgegenwerfen, warum sie nicht schon viel früher aktiv wurden. Allzu lang haben sie Versprechungen sämtlicher rot-grün-schwarz-gelb gemischter Koalitionen der letzten 30 Jahre geglaubt und wurden von deren Vertretern vertröstet. Und all diese Entwicklungen geschahen ohne großen Aufhebens oder ob der Mitsprachemöglichkeit der Bürger. Nicht sie aber, sondern die Stadt hätten die Zusammenhänge längst erkennen und zum Schutz der Stadtteile und der Verkehrsteilnehmer rechtzeitig gegensteuern müssen.

StadtPLANUNG durch Projektentwickler?

Stattdessen zieht sich eine Erkenntnis durch all diese politisch gewünschten bzw. nicht verhinderten Bauten und deren verkehrliche Auswirkungen:  Die Investoren (be)stellten die Verkehrsgutachten und die Stadt hat, wie zuletzt auch bei der Baugenehmigung für Mann Mobilia, diese selten selbst geprüft, geschweige denn jemals ein eigenes Gutachten über das Beziehungsgeflecht zwischen all den Großmärkten in Erwägung gezogen. Solches wäre längst überfällig, um verständig gegenzusteuern.

Nun gesteht der Magistrat zwar recht direkt seine Ohnmacht ein, macht aber unbeirrt weiter mit gewerblicher Ausdehnung in der irrigen Annahme, dies wäre geboten oder (volks)wirtschaftlich sinnvoll. Das Gegenteil ist der Fall. Und nach dem Willen von XXXLutz soll nun folgendes entstehen:

Skizze Bestand- und Neubau XXXL

Skizze Bestand- und Neubau XXXL

In Verbindung mit dem Neubau der Schiersteiner Brücke bis 2019 ff wäre der Ausbau von Mann Mobilia der verkehrstechnische Untergang für das gesamte Gebiet über viele Jahre. Und die kalte aber vorsätzliche Enteignung einiger hundert Haus- und Wohnungsbesitzer.

Unsere Forderung nach Vernunft

Bevor man die Verkehrsproblematik nicht in den Griff bekommt, ohne die Anwohner, letztlich auch die Pendler und alle Unternehmen im Gebiet weiter zu belasten, darf die Stadt aus unserer Überzeugung heraus keinerlei weiteren Ausbau des bestehenden Gewerbegebietes zulassen und sollte aus städtebaulicher Sicht sogar langfristig den großflächigen Einzelhandel reduzieren.

Bei einem Neubau von Mann Mobilia in alter Größe und ohne zusätzlichen Mitnahmemarkt (unter separatem Label wie geplant), könnten die Anwohner wenig gegen eine Baugenehmigung einwenden. Da aber XXXLutz trotz Kenntnis unserer Belange maximal ausbauen möchte (gewollte Kundenzunahme > 66 %) und die Stadt aus unserer Sicht Rechtsnormen fortgesetzt missachtet, um diese Bau zu ermöglichen, müssen wir unsere Interessen, dies sind nicht weniger als die Erhaltung unserer Wohngebiete, auf rechtlichem Weg durchzusetzen versuchen.

Im Rahmen laufender Dialogforen und Workshops sind wir bereits seit langem gemeinsam mit den Fachämtern der Stadt auf Lösungssuche, doch die gestaltet sich sehr zäh und mühselig. Die Anwohner haben jedoch keine unendliche Geduld und können nicht zusehen, wie durch Erweiterung zu einem solch großen Möbelmarkt erneut vollendete Tatsachen geschaffen werden und das Chaos unabwendbar wird.  

Die Entwicklungen der letzten Jahrzehnte bedrohen nicht nur die Siedlungsgebiete, insbesondere zwischen Hagenauer Straße und Äppelallee, sondern sie degradieren letztlich weite Teile Schiersteins und Biebrichs zu im Verkehr erstickenden Einkaufsvororten.